Aktuelle Studie zur Wirkung von Potentialanalysen im Berufswahlprozess untermauert das Konzept „Mission Ich"

Im Mai-Juni 2019 wurde unter der Leitung des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB) im Rahmen einer Interventionsstudie der Frage nachgegangen, welche Art von Potenzialanalysen (PA) die größten Wirkungen in Hinblick auf wesentliche Ziele des Berufsorientierungsprogramms des Bundes (BOP) entfalten.

Für die Studie wurden drei kontrastierende Potenzialanalyse-Ansätze konzipiert, die jeweils einen Interventionstyp darstellen: (I) eine handlungsorientierte PA, (II) eine PC-gestützte PA und (III) eine biografieorientierte PA. An diese jeweils zweitägigen Interventionen schloss sich am dritten Tag ein je halbstündiges Reflexionsgespräch an. Ergänzt wurde dieses Sample durch einen vierten Interventionstyp (IV), welcher ausschließlich aus einem einstündigen Reflexionsgespräch bestand. Zudem gab es eine Kontrollgruppe, die an den Befragungen teilnahm, jedoch keine berufsorientierende Maßnahme durchlief. An der Studie, die durch die Intervall GmbH Berlin realisiert wurde, nahmen 453 Schüler*innen von sechs Mittelschulen und Gymnasien in Bayern sowie 28 pädagogische Fachkräfte teil. Die Jugendlichen wurden vor, unmittelbar im Anschluss an die sowie vier Wochen nach der Intervention per Fragebogen zu verschiedenen Aspekten des Erlebens und des Erkenntnisgewinnes durch die Intervention befragt.

Untersucht wurde, welche Wirkungen die einzelnen Interventionstypen erzielten – und zwar in Hinblick auf zwei Zieldimensionen: (1) die Anregung der Schüler*innen zur Selbstreflexion sowie (2) die Förderung der Motivation, sich mit Fragen der Berufswahl auseinanderzusetzen. Diese Dimensionen wurden durch drei bzw. sechs weitere Zielvariablen untersetzt.

Erfreulich ist, dass die Schüler*innen mit hoher Motivation an die Aufgaben herangingen und alle Interventionen hohe Akzeptanz fanden. Ebenso positiv hervorzuheben ist, dass alle Potenzialanalyse-Ansätze wirksam sind. Allerdings zeigte sich, dass sich die verschiedenen Ansätze unterschiedlich auf die einzelnen Zielvariablen auswirkten. Sichtbar wurde, dass der Nutzen der Interventionen unterschiedlich bei den Jugendlichen ausfiel. So profitierten beispielsweise Schüler eher von handlungsorientierten Angeboten, Schülerinnen hingegen stärker von biografieorientierten Aufgaben. Kurzum: Es gibt keinen klaren Gewinner oder Verlierer unter den Interventionstypen, keine am besten geeignete Form der Potenzialanalyse. Vielmehr wird deutlich, dass die Kombination der einzelnen Ansätze die Chance birgt, die Vorteile der einzelnen Zugänge zu vereinen sowie die Nachteile zu reduzieren.

Ein zweiter wesentlicher Befund der Studie betont die besondere Bedeutung von Reflexionsprozessen. Interventionen mit einem geringeren Anteil an Reflexionsphasen schnitten bzgl. einiger Zielvariablen unterdurchschnittlich ab, wohingegen das einstündige Reflexionsgespräch hinsichtlich dieser Zielvariablen hohe Werte erzielte. Die Schüler*innen gaben an, mehr über sich erfahren zu haben, und sie entwickelten eine größere Motivation, sich weiter mit dem Thema Berufswahl auseinanderzusetzen.

Nachdenklich stimmt jedoch, dass sich vier Wochen nach der Intervention alle Wirkungen – unabhängig vom Interventionstyp – nivelliert hatten und zum Teil nicht mehr nachweisbar waren. Mit anderen Worten, eine Alltagsbeobachtung vieler Pädagog*innen scheint sich hier zu bestätigen: Ohne ein erneutes Aufgreifen der Thematik ist keine langfristige Wirkung festzustellen.

Diese Ergebnisse bestätigen die konzeptionellen Arbeiten in dem Projekt „SELbsterkundung und Förderung individueller Entscheidungen in der schulischen Berufsorientierung (SELFIE). Im Rahmen des Projektes wurde ein weiter gefasster Ansatz der Potenzialanalyse und Kompetenzentwicklung für den Berufswahlprozess entwickelt. Das Konzept und die entstandenen Arbeitsmaterialien tragen den Titel „Mission ICH“. Durch die Studie werden die Stärken des neuen Potenzialanalyse-Ansatzes hervorgehoben. Denn „Mission ICH“ …

  • zielt im Kern auf die Erhöhung des Selbstwissens sowie auf die Förderung individueller Entscheidungsfähigkeit.
  • kombiniert handlungs-, reflexions- und biografie- sowie dialogorientierte Aufgabentypen.
  • erstreckt sich über die Klassenstufen 7, 8 und 9. Zudem kommen „Mission ICH“-Aufgaben zu verschiedenen Zeitpunkten im jeweiligen Schuljahr zum Einsatz.
  • räumt (Reflexions-)Gesprächen besondere Aufmerksamkeit ein: So werden viele Aufgaben im Anschluss in Kleingruppen oder im Plenum reflektiert. Jeweils zum Schuljahresende sind zudem Auswertungsgespräche zwischen Schüler*in, Lehrkraft und Eltern vorgesehen.
  • verknüpft Elemente der Potenzialanalyse mit anderen Maßnahmen der Beruflichen Orientierung.

Der „Mission ICH“-Ansatz gibt den Schüler*innen mehr Zeit für die Auseinandersetzung mit den Themen Lebensplanung und Berufswahl. Für Schüler*innen und Lehrkräfte werden individuelle Entwicklungen sichtbar. Es kann davon ausgegangen werden, dass diese Form einer intensiveren Beschäftigung zu einer Erhöhung der Nachhaltigkeit und somit zu fundierteren Entscheidungen führt.

Und dennoch: Die Interventionsstudie birgt auch für das „Mission ICH“-Konzept einige Impulse für eine konzeptionelle Weiterentwicklung. So verweisen die Befunde u. a. auf zu berücksichtigende geschlechtsspezifische Aspekte (z. B. Geschlecht der pädagogischen Fachkraft, die die Potenzialanalyse anleitet oder das Reflexionsgespräch führt) oder auch auf die Bedeutung angemessener Räumlichkeiten sowie die Relevanz von Gesprächen, die die Jugendlichen mit ihren Eltern über die erlebte Potenzialanalyse führen. Diese Aspekte fließen in die Weiterentwicklung von „Mission ICH“ ein.

Hier dargestellt wurde nur ein kleiner Ausschnitt der Ergebnisse. Interessierten sei die Lektüre der Studie empfohlen: Sommer, J. / Rennert, C, (2020): Endbericht der wissenschaftlichen Begleitung zur Interventionsstudie Potenzialanalyse. Abrufbar hier [Stand 27.05.2020].

Claudia Kalisch, Tom Reimer, Tobias Prill, Katja Prochatzki-Fahle, Jörg Friese

 


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